Rezension zu „Der Talisman“
Stephen King ist ja für seine übersprühenden Surrealitäten bekannt. Mit jedem seiner Werke, was man liest, fragt man sich: irgendwo ist doch eine Grenze, oder? Dieses absolute Meisterwerk hier zeigt: Die Grenze gibt es nicht oder liegt irgendwo nahe dem Andromedanebel. Eine verrückte Idee jagt die Nächste – und zwar in Lichtgeschwindigkeit. Doch zuerst einmal – worum geht es überhaupt?
Im Mittelpunkt steht ein zwölfjähriger Junge namens Jack Sawyer und seine krebskranke Mutter Lily. Seine Mutter ist eine ehemalige Schauspielerin, die zusammen mit ihrem Sohn Jack in ständiger Flucht vor Morgan Sloat ist. Morgan Sloat ist der ehemalige Partner ihres verstorbenen Mannes Phil Sawyer. In ihrem derzeitigen Unterschlupf, dem ausgestorbenen Hotel Alhambra Inn and Gardens langweilt er sich zu Tote.
Daraufhin lernt er den Bluesmusiker Speedy Parker kennen, der ihm erzählt, wie er seine Mutter heilen kann. Speedy berichtet ihm, dass er in die Territorien reisen soll, eine Art mittelalterlicher Parallelwelt. In dieser Parallelwelt haben viele Menschen einen Doppelgänger zur realen Welt, einen „Twinner“. Jack kennt diese Welt durch seine ständigen Tagträume aus seiner frühesten Kindheit.
Der Twinner von Lily ist die Königin Lara DeLoessian. Für Jacks Vater und Morgan Sloat ist diese Region bekannt. Mithilfe einer übel schmeckenden Flüssigkeit soll er in die Welt der Territorien „flippen“ – also die zwischen den Welten hin- und herwechseln. Daraufhin macht er sich auf eine gefährliche Reise in die Territorien, um den Talisman zu suchen. Der Talisman soll seine Mutter vom Krebs befreien.
Stephen King entführt den Leser hier in eine mittelalterliche Welt voller Monster und zwielichtiger Gestalten. Es fühlt sich an, als wenn man durch Kings Worte sanft durch die Territorien getragen wird. Jeder Meter, den Jack in der sonderbaren Welt zurücklegt, ist unmittelbar spürbar. Dabei reichen die Erfahrungen von gutmütigen Emotionen, als er die wohltuende Luft und die Ruhe der Territorien in sich aufsaugt wie ein Schwamm bis hin zu Momenten, bei denen es Jack einen eiskalten Schauer den Rücken runter jagt.
Ein gutes Beispiel ist die Situation, als er von Osmonds Peitsche bedroht wird oder von lebenden (!) Bäumen gepackt wird. Jack flippt jedes Mal bei einer Gefahr in die jeweils andere Welt. Durch die nicht abreißende Welle an Emotionen wird das Buch niemals langweilig.
Getragen durch eine Spannung, die bis aufs Äußere ausgereizt wird, packt einen der Roman vollends. Kapitel um Kapitel und Seite um Seite wird „der Talisman“ immer düsterer und irrer. Auch der Einfallsreichtum sucht seinesgleichen. Die Geschehnisse an der Schule, als Jack und Richard von Zombiehunden angegriffen werden, oder die Fahrt durch das verheerte Land wirken einfach herrlich grotesk.
Auch wenn Stephen King hier zweifellos ein literarisches Horror-Fantasy-Meisterwerk aus der Retorte gehoben hat, hat es einige Schwächen. So wirkt das Kapitel rund um das Sunlight-Gardener-Heim etwas langgezogen und langatmig wie ein zäher Kaugummi. Zudem finde ich den Charakter Wolf etwas nervig und unpassend. Zu Beginn des Romans dauert es etwas, bis die Geschichte in Fahrt kommt. Sobald Jack aber in den Territorien Fuß fasst, braust sie aber los wie ein ICE.
Zusammengefasst handelt es sich bei „Der Talisman“ um ein unbeschreibliches Lesevergnügen und ist definitiv als abendfüllende Lektüre geeignet. Bis auf 1 – 2 Kapitel wirkt der Roman nie langweilig und der Leser wird auf eine Achterbahnfahrt durch die mittelalterliche Welt der Territorien geschickt, die er nicht so leicht vergisst. Für Horror- und Fantasy-Fans eine erstklassige Empfehlung.